Seliger Gerhard

Der selige Gerhard gilt als die prägende Persönlichkeit der Anfänge der Malteser. Gerhard war der erste Vorsteher des Hospitals in Jerusalem und hat durch sein fürsorgliches, geschicktes und vorausschauendes Agieren den Grundstein für eine nunmehr über 900-jährige „Erfolgsgeschichte“ im Dienst an den Notleidenden gelegt. Zwar ist nicht allzu viel über ihn überliefert; doch wird im Folgenden sein außergewöhnliches Werk auf Basis der historischen Quellen vorgestellt.

Das Hospital in Jerusalem

Jerusalem gilt als die Wallfahrtsstätte der Christenheit, denn dort haben sich die zentralen Ereignisse des Lebens Jesu Christi – sein Leiden, sein Tod und seine Auferstehung – zugetragen. Seit dem 4. Jahrhundert haben sich Menschen aus Europa auf eine Wallfahrt in das Land Jesu begeben; im Laufe des 11. Jahrhunderts entwickelte sich daraus ein regelrechtes Massenphänomen.

In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts erbaten sich Kaufleute aus der süditalienischen Stadt Amalfi von den muslimischen Fatimiden, die zu dieser Zeit über Palästina herrschten, die Erlaubnis, in Jerusalem ein Benediktinerkloster zu errichten. Sie stifteten – wohl in den 1060er Jahren – das Kloster St. Maria Latina, das sich der Aufnahme und Versorgung von christlichen Pilgern aus dem Westen widmen sollte. Das Kloster befand sich in unmittelbarer Nähe zur Grabeskirche und damit zum Hauptziel der Pilger – jenem Ort, an dem Jesus Christus der Überlieferung nach gekreuzigt und begraben wurde sowie auferstanden ist. Wenig später – vermutlich in den 1070er Jahren – wurde dem Konvent auch das Nonnenkloster St. Maria Magdalena zur Betreuung von Pilgerinnen angegliedert.

Da die Aufnahmekapazitäten jedoch nicht ausreichten, entstand innerhalb des Klosterkomplexes um 1080 zusätzlich ein Hospital bzw. Hospiz, d. h. eine eigene Pilgerherberge, zu der eine dem Patronat des heiligen Johannes des Täufers unterstellte Kirche gehörte. Als die Kreuzfahrer Jerusalem im Jahr 1099 eroberten und das christliche Königreich Jerusalem ausriefen, fanden sie das „Hospital des heiligen Johannes des Täufers“ unter der Leitung eines gewissen Gerard bzw. Gerhard vor – und zwar als mittlerweile eigenständige, d.h. aus der Vormundschaft von St. Maria Latina herausgelöste Institution.

Gerhard als erster Vorsteher

Über Gerhards Herkunft wissen wir nichts Sicheres. Späte Überlieferungen bringen ihn mit der italienischen Stadt Scala bei Amalfi in Verbindung. Eine andere Tradition nennt die französische Hafenstadt Martigues in der Provence als seinen Geburtsort. Beide Theorien sind nicht unwahrscheinlich, bleiben jedoch mangels zeitgenössischer Belege spekulativ. Das gilt auch für die Annahme, Gerhard sei als vormaliger Benediktinerbruder für das Hospital zuständig gewesen. Fest steht einzig, dass er im Jahr 1099 „Leiter“ bzw. „Vorsteher“ des Hospitals war, in dem er sich zusammen mit einer Bruderschaft der Pilger – reichen wie armen, gesunden wie kranken – annahm.

Bei der Hospitalbruderschaft handelte es sich um eine Laiengemeinschaft, der sich rasch viele Pilger und Kreuzfahrer anschlossen. Vermutlich lebten sie nach bestimmten Gewohnheiten, wie es für mittelalterliche Hospitalgemeinschaften üblich war, allerdings ist keine Ordensregel für die ersten Jahrzehnte des Hospitals nachweisbar. Die als Johanniterregel bekannte Ordensregel des Hospitals wurde erst von Gerhards Nachfolger Raymond du Puy (1120–1158/60) fixiert und von Papst Eugen III. (1145–1153) bestätigt.

Gerhards Verdienst war es, (a) die materielle Basis des Hospitals kontinuierlich zu mehren sowie (b) seine rechtliche Stellung abzusichern:

  • Durch Gerhards Bemühen um Almosen in Europa sowie durch die Übermittlung von Schenkungen durch Pilger und durch die Obrigkeiten der „Kreuzfahrerstaaten“ konnten in kurzer Zeit beträchtliche Besitztümer im Westen (Südfrankreich, Spanien, Portugal, England) und in den Kreuzfahrerstaaten generiert werden. Sie dienten der Versorgung des Hospitals in Jerusalem. Auch verfügte das Hospital bereits früh über Tochterhospitäler, z. B. in den italienischen Städten Pisa, Bari, Otranto, Tarent und Messina – allesamt Ausschiffungshäfen für Jerusalempilger.
     
  • Die Anerkennung des Hospitals als kirchliche Institution erwirkte Gerhard durch das Erlangen gewisser Privilegien. Im Jahr 1112 befreiten der Patriarch von Jerusalem und der Erzbischof von Caesarea es von der Abgabe des „Zehnten“. Dieses Privileg bestätigte Papst Paschalis II. (1099–1118) 1113 in seiner Bulle Piae postulatio, mit der er das Hospital auch unter seinen päpstlichen Schutz stellte und ihm die freie Wahl eines Vorstehers garantierte. Piae postulatio bildete denn Beginn einer stetig wachsenden päpstlichen Privilegierung, die 1154 mit der Bulle Christianae fidei religio von Papst Anastasius IV. (1153–1154) einen Höhepunkt erreichte. Da auch die Bestätigung der Ordensregel in diese Zeit fällt, kann die sukzessive Transformation der laikalen Hospitalbruderschaft in eine religiöse Ordensgemeinschaft in der Mitte des 12. Jahrhunders als abgeschlossen gelten.

Gerhards Vermächtnis

Mit all diesen Bemühungen hat Gerhard den Grundstein dafür gelegt, dass sich (a) die Jerusalemer Pilgerherberge unter seinen Nachfolgern zum größten und berühmtesten Hospital der Christenheit entwickeln und dass (b) aus der Hospitalbruderschaft der Johanniter- bzw. Malteserorden hervorgehen konnte.

Bereits ab der Mitte des 12. Jahrhunderts fanden im Hospital nicht nur Pilger aus dem lateinischen Westen, sondern alle notleidenden Menschen, unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Herkunft, Aufnahme. Auf Gerhard geht zurück, dass die Aufgenommenen als die „Armen Christi“ und die „Herren Kranken“ bezeichnet und mit größter Ehrerbietung, überbordender Großzügigkeit und Professionalität behandelt wurden. Ein ihm zugeschriebener Ausspruch fasst sehr treffend die Sendung der Malteser zusammen:

Unsere Bruderschaft wird unvergänglich sein, weil der Boden, auf dem diese Pflanze wurzelt, das Elend der Welt ist,
und weil, so Gott will, es immer Menschen geben wird, 
die daran arbeiten, dieses Leid geringer, dieses Elend erträglicher zu machen.

Gerhard bezeichnete sich selbst schlicht als „Knecht und Diener des Hospitals“. Er starb am 3. September 1120 in Jerusalem. Die Inschrift auf seinem Grab vermittelt einen Eindruck von seiner Persönlichkeit:

Hier ruht Gerhard, der demütigste Mann des Morgenlandes:
Er diente den Armen und war gütig gegenüber allen Fremden;
zwar war er von geringschätzigem Ansehen, doch glänzte sein Herz stattdessen edel.
In diesen Mauern zeigt sich, wie tüchtig er war.
Er war in vielem vorausschauend, was zu tun war, und handelte ehrbar.
Sehr vieles vollbrachte er auf vielfache Art.
In mehreren Ländern streckte er geschickt seine Arme aus
und sammelte von überall her (Almosen), um die Seinen zu nähren.
Als die Sonne siebzehnmal im Sternbild der Jungfrau aufgegangen war [= 3. September],
wurde er in den Himmel getragen durch die Hände der Engel.

(Fulcher von Chartres, Historia Hierosolymitana III 9, um 1127)

Die Formulierung „in diesen Mauern“ lässt darauf schließen, dass sich das Grab Gerhards auf dem Territorium des Hospitals befand, möglicherweise in der Hospitalkirche St. Johannes der Täufer. Heute werden Reliquien des Seligen in Martigues, Rom, Südafrika, Ehreshoven, Valletta, London und auf Sizilien aufbewahrt und verehrt.

Die Legende vom Brotwunder

Die Legende vom Brotwunder wurde wohl in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts niedergeschrieben. Sie gehört zu den sog. Miracula, den Legenden des Hospitals, die ab Ende des 12. Jahrhunderts zusammen mit den Ordensstatuten überliefert wurden und ihnen als Einleitung oder Vorwort vorangestellt waren. Die Legende vom Brotwunder weiß zu berichten, dass Gerhard zur Zeit der Belagerung Jerusalems durch die Kreuzritter im Jahr 1099 von den muslimischen Fatimiden gefangengenommen wurde – jedoch auf wunderbare Weise glimpflich entkommen konnte:

„[...] Als die Sarazenen über Jerusalem herrschten [...], gab es in Jerusalem einen Diener Christi mit Namen Gerhard, der das Hospital verwaltete und mit den Almosen, die die Sarazenen ihm zukommen ließen, den Kranken und Armen mildtätig diente. Zu jener Zeit aber, als der Herr wollte, dass das Land der Verheißung in die Herrschaft der Christen käme, machten sich [...] (viele Fürsten), durch die göttliche Vorsehung gemahnt, auf und [...] kamen ins Land der Verheißung. Sie belagerten die Stadt Jerusalem, nachdem sie zuvor die Stadt Akkon eingenommen hatten, die Acer heißt. In ihrem Heer herrschte großer Hunger, denn es gab kaum Brot. Gerhard jedoch [...] legte täglich Brote in seinen Schoß und warf sie wie Steine von der Mauer der Stadt Jerusalem nach unten den Christen im Heer zu – zwei- oder drei- oder viermal am Tag – was soll ich noch mehr sagen? Gerhard [...] wurde von den Dienern, die die Mauern der Stadt bewachten, beim Sultan angeklagt. Der Sultan gebot daher den sarazenischen Dienern, die ihn angeklagt hatten, sie sollten ihn mit dem Brot fangen, wenn er es dem Heer der Christen zuwarf, und ihn vor ihn führen. Anderenfalls würde er ihnen nicht glauben. Eines Tages nun, als Gerhard wie üblich Brote in seinen Schoß legte, zur Mauer der Stadt kam und die Brote auf das Heer warf, fassten die Sarazenen, die sich an jenem Ort versteckt hatten, wo er gewöhnlich hinkam, ihn mit allem Brot, das er im Schoß trug, und führten ihn vor den Sultan. Als sie jedoch dem Sultan die Brote zeigen wollten, fanden sie, aufgrund der Kraft Gottes, Steine. Nachdem der Sultan so die (vermeintliche) Böswilligkeit seiner Sarazenen erkannt hatte [nämlich einen Unschuldigen anzuklagen], ließ er Gerhard, den Hospitalvorsteher, in Frieden ziehen und gebot ihm, den Christen zu tun, wie er es gewohnt war. Als Gerhard dieses hörte, warf er noch häufiger als sonst Brote anstelle von Steinen auf das Heer der Christen. Das Heer der Christen lagerte so lange vor Jerusalem, bis die Stadt schließlich eingenommen wurde. [...]“

Materialien für die Praxis

Liturgie und Gebet

„Bruder Gerhard“ – Ein Schulbuch der besonderen Art

Eine Schülergruppe des Antoniuskollegs in Neunkirchen-Seelscheid, ein Gymnasium in der Trägerschaft der Malteser Werke, hat die Geschichte des seligen Gerhard recherchiert, illustriert und auf spannende Weise nacherzählt – daraus ist das (Schul-)Buch „Bruder Gerhard. Eine Geschichte von Rittern und Rettern“ (2020) entstanden.

In 21 Kapiteln erzählt es die Geschichte des jungen Gerardo, seiner abenteuerlichen Reise durch Europa bis nach Jerusalem und wie er „durch treue Freundinnen und Freunde, durch Gefahren, Armut und Heimatlosigkeit, durch Kämpfe und Versöhnung, vor allem aber durch seinen Glauben zu einem mutigen, verlässlichen und ritterlichen Erwachsenen wird“​​​​​​​ (Zitat aus dem Vorwort). Darüber hinaus enthält das Buch zahlreiche Infoboxen, Exkurse sowie Projektvorschläge und ist mit sehr schönen ganzseitigen Illustrationen versehen. Es wird künftig an allen Schulen der Malteser Werke in den fünften Klassen im Unterricht eingesetzt werden. Weitere Informationen gibt es hier​​​​​​​.

„Bruder Gerhard“​​​​​​​ kann zum Preis von 7,50 Euro über malteserwerke@malteser.org bestellt werden.

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