Ich bin nicht da. Gott schon.

Vor einer Weile förderte ein Kollege ein Wort der französischen Schriftstellerin Madeleine Delbrêl zutage: „Oh Gott, wenn Du überall bist, wie kommt es dann, dass ich so oft woanders bin?“

Dieser Satz fasziniert mich. Weil er so einfach, tief und provozierend zugleich ist. Paulus sagte schon den Athenern auf dem Areopag, dass der Gott, den er verkündet, viel größer sei als die heidnischen Götter, so groß, dass wir in ihm leben, in ihm uns bewegen und in ihm sind (Apg 17,28a). Das heißt doch wohl, dass er wirklich überall ist.

Dennoch mache ich die Erfahrung, dass ich ihn nicht spüre und er fern zu sein scheint. Wie oft habe ich mich schon gefragt: Wo bist Du, Gott? Delbrêls Satz lässt mich zweifeln, ob ich meine Frage eigentlich richtig herum stelle. Vielleicht sollte ich eher fragen: Wo bin ich? Wenn ich ehrlich bin, erlebe ich das doch oft: Ich bin bei meinen Kindern, doch nicht wirklich da – sondern woanders. Ich treffe mich mit Freunden und bin nicht aufmerksam – sondern in Gedanken woanders. Ich spreche mit einer Kollegin und höre nicht richtig zu – sondern bin schon wieder im nächsten Termin und damit: woanders.

Wo bin ich, wenn Du da bist, Gott – das wäre vielleicht besser formuliert. Dann kommt die nächste Frage auf den Plan: Warum nur ist das so? Warum lässt Gott das zu? Es könnte doch viel einfacher sein. Ich glaube, weil er mich in Freiheit bei sich haben möchte. Weil er lieber auf mich wartet als mich zu sich zu zwingen. Weil er mich nicht braucht, aber will.

Dr. Marc Möres