Die Sache mit dem „i“

Ich bin mit einem Menschen in Kontakt, der mir sagt, bei einem ewigen Leben wolle er nicht dabei sein. Das hat erwischt mich kalt. Nicht ewig leben wollen, das ist mir mit meiner christlichen Sozialisation unbegreifbar. Wie kann das sein? Es kann doch nichts Schöneres geben…

Ich werde sehr nachdenklich. Das Leben, das erfahren wir täglich, hat sehr unterschiedliche Seiten. Es ist fröhlich und erfüllt, beglückend und beschwingt, faszinierend und schön; es ist bedrohlich und bedroht, grausam und einsam, beängstigend und langweilig. Es gibt alles und verlangt alles ab. Welches Leben soll denn da ewig sein, dass ich dabei sein will? Die Aussicht auf irgendeine ewige Existenz ist in der Tat nicht zwangsläufig attraktiv.

Gott ist die Liebe, heißt es im 1. Johannesbrief (1 Joh 4,16), und genau das werden wir in der Ewigkeit erfahren, denn dann werden wir Gott sehen, wie er ist (1 Joh 3,2), verheißt uns die Schrift.

Was meint das? Zuallererst, dass wir das Ja, das Gott unwiderruflich immer schon zu uns spricht, endlich begreifen, dass jede Sehnsucht sich erfüllt, dass das Leben zur Vollendung kommt, dass alles heil wird, was verletzt oder gebrochen ist; und dass wir dieses unwiderrufliche Angenommensein von Gott mit unserem eigenen Ja zu ihm beantworten. Dann werden wir endlich auch wirklich und uneingeschränkt Liebende; und so werden wir Gott, dem ersten Liebenden, ähnlich sein (1 Joh 3,2).

Genau genommen geht es nicht um ewiges Leben. Es geht um ewiges Lieben. Das i macht einen gewaltigen Unterschied.

Dr. Marc Möres