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Malteser Geistliches Zentrum

Ordensregel


Die Entwicklung von der Hospitalbruderschaft, die sich unter Bruder Gerhard zusammengefunden hatte, zu einem Orden vollzog sich in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Der Begriff „Orden“ besagt ursprünglich eine bestimmte Ordnung für das gemeinschaftliche (christliche) Leben, das die Mitglieder auf ein gemeinsames Ziel hin ausgerichtet. Er ist daher einer Regel verbunden. Schon die Antike kannte ordensähnliche Gemeinschaften, die mit einem gemeinsamen Lebensziel und nach einer bestimmten Regel lebten: die Philosophenschulen eines Platon etwa oder eines Aristoteles. Durch den hl. Benedikt wurde dieses Ideal ins Christentum übernommen.
Weil das Ordensleben mit einer Regel verbunden ist, läßt sich sagen: Mit der Abfassung der Regel war die Entwicklung der Hospitalgemeinschaft zum Orden abgeschlossen, mit der Anerkennung durch den Papst erhielt sie ihre offizielle Bestätigung.
Der Orden des HI. Johannes ist der vierte christliche Orden und der erste Krankenpflegeorden der Welt­geschichte überhaupt.

Die Ordensregel des Raymond von Puy

Die erste Ordensregel geht auf den zweiten Großmeister, Raymond du Puy (1083-1158/60) zurück, der die Gemeinschaft vom 1120-1160 leitete. Sie umfaßt 19 Kapitel, ist also recht kurz und stellt keine organische Einheit dar.
Als „Grundgesetz“ der Malteser enthält sie gleichwohl die Prinzipien der Spiritualität der Malteser. Die Regel wurde hoch in Ehren gehalten, sie wurde lange auf allen Generalkapiteln und Provinzkapiteln verlesen und ist auch späteren Erweiterungen und Ergänzungen als Grundlage vorangestellt.
Wie in einem Brennglas faßt sie das Ideal der Malteser, wenn sie den Umgang mit Kranken beschreibt:

„Kommt ein Kranker in ein Haus [des Ordens], […] so soll dieser aufgenommen werden. Zuerst soll er dem Geistlichen seine Sünden beichten und die heilige Kommunion empfangen. Später soll er ins Bett getragen werden und wie ein Herr nach den Möglichkeiten des Hauses alle Tage, noch bevor die Brüder das Frühstück essen, liebevoll versorgt werden. Und an allen Tagen sollen die Epistel und das Evangelium in diesem Haus gelesen werden und während der Prozession soll der Kranke mit Weihwasser besprengt werden.“ (Regel, Art. 16)


Die Anweisungen zeigen, daß Krankheit und Gesundung als ganzheitliche Vorgänge verstanden werden, die Seele und Leib gleichermaßen umfassen. Daher war in den Krankensälen der Malteser stets ein Altar für die Feier der Heiligen Messe aufgestellt. Spätere Hospitäler des Ordens sind oft als doppelgeschossige Kirchen gebaut, wobei den Kranken im oberen Geschoss lagen und so der Heiligen Messe folgen konnten.

Gebet, Liturgie und Sakramente

Überhaupt zeigt die Regel eine besondere Wertschätzung für das Gebet, die Liturgie und die Sakramente als Voraussetzung und notwendige Bedingung für den Dienst an den „Herren Kranken“. Eine eindrückliche Illustration dieses Selbstverständnisses gibt die Darstellung auf dem  ältesten Ordenssiegel. Es zeigt unter dem Ordenskreuz auf dem Rand eine Kirche, vielleicht die Hospitalkirche, die sich in unmittelbarer Nähe zur Jerusalemer Grabeskirche befand, darunter ein „ewiges Licht“ und einen liegenden Kranken, links von ihm ein Weihrauchfaß, das von zwei Händen geschwenkt wird: Der Dienst am Nächsten ist eingefaßt und gerahmt vom Gottesdienst.

Dienst an den „Herren Kranken“

Zugleich bringt das Bewußtsein für die besondere Würde der Kranken ihre Bezeichnung als „Arme Christi“, „Arme des Herrn“ oder „Heilige Arme“  (Regel, Art. 5) zum Ausdruck. Die Ordensbrüder selbst nannten sich daher als „Diener der Armen unseres Herrn Jesus Christus“ (Regel, prooem.). Die Aufforderung, den Kranken „wie einen Herrn“ („quasi Dominus“) zu behandeln, hat dabei einen doppelten Sinn: einerseits geht es – in Umkehrung der Rangordnung von Herr und Diener – darum, in Zurückstellung der eigenen Person eben den Kranken und Schwachen als Herrn anzusehen und ihm zu dienen; andererseits geht es darum, im Kranken den Herrn, d.h. Christus, zu erblicken und ihm Dienst zu erweisen. Vom Ausmaß der Ehrerbietung und Professionalität, mit der die Brüder die Kranken umsorgten, zeugen u.a. die Bestimmungen der Hospitalordnung des Roger von Moulin, der von 1177 bis 1187, achter Großmeister war. Sie sehen vor: professionelle ärztliche Versorgung; angenehme Betten und Kleidung für die Kranken, großzügige Armenspeisung durch den Konvent.

Ordensgelübde und Lebensstil

Die Mitglieder des Ordens verpflichtet die Regel auf ein Leben nach den drei evangelischen Räten, Keuschheit, Gehorsam und Armut (Art. 1). Sie ist damit die erste Ordensregel, die die drei evangelischen Räte verbindlich vorschreibt.
Darüber hinaus sieht sie einen bescheidenen und asketischen Lebensstil der Ordensmitglieder vor: er betrifft
- die Bescheidenheit in der Kleidung (vgl. Regel, Art. 8),
- den Verzicht auf Eigentum (vgl. Art. 13) oder
- das Fasten (vgl. Art. 8; 2; 11).
Der Malteserorden war dabei von seinen Anfängen her ein Laienorden – und ist dies bis heute geblieben.

Spätere Verordnungen und Statuten

Im Laufe der Zeit ist die ursprüngliche Regel Raymonds angereichert und ergänzt worden durch weitere Verordnungen (Statuten, Ordinationen, gewohnheitsrechtliche Bestimmungen). Sie sind Ausführungsbestimmungen zur Regel.

Aus der frühen Zeit stammen:
- die Brotverordnung des 7. Großmeisters Jobert (1176): in ihr findet sich zum ersten Mal die Rede von den „Herren Kranken“.
- die Kirchenverordnung Joberts (1177/81): sie enthält v.a. liturgische Bestimmungen für die Priester, und
- die Hospitalordnung des 8. Großmeisters, Roger de Moulin (1181), die in ihrem zweiten Teil Richtlinien der Krankenpflege enthalten und viel vom Alltag des Hospitals zeigen. Überdies deuten sie eine Dreiteilung der Hospitalgemeinschaft in (1) Ordensritter, (2) Ordensgeistliche und (3) dienende Brüder an.

Als Verordnungen aus späterer Zeit sind überdies zu nennen:
- die Ordensstatuten von 1204/06 unter dem 12. Großmeister, Alfons de Portugal, die die Organisation des Ordens regeln (Rechte und Pflichten von Großmeister, Ordenskapitel, Unterscheidung wichtiger Ordensämter) und fast den Rang einer zweiten  Regel erhalten hat;
- die Statuten des Generalkapitels von 1302, in dem sich die Gliederung in acht landsmannschaftliche Zungen (Frankreich, Provence, Auvergne, Italien, Kastilien, Aragon, England und Deutschland) findet;
- die Statuten von 1489/93 (Stabilimenta Rhodiorum militum) unter Großmeister Pierre d’Aubusson, die der veränderten Situation des Ordens zur Zeit auf Rhodos Rechnung trugen;
- der Code Rohan von 1772 unter Großmeister Emanuel de Rohan, der u.a. mit seinem Güter- und Verwaltungsrecht die Finanz- und Vermögensverwaltung auf Malta regelt
- die Ordensverfassung von 1936, mit der nach dem Verlust Maltas und der Neuformierung des Ordens im 19. Jahrhundert die Entstehung der nationalen Assoziationen berücksichtigt wird und neben den eigentlichen Ordensbrüdern auch der Stand der "Ehren-" und "Devotionsritter" berücksichtigt wird, die keine Religiosen sind und als Verheiratete keine geistlichen Gelübde ablegen konnten.

Grundlage des Malteserordens heute sind die Ordensverfassung von 1956 und der Codex von 1966. Erstere behandelt Natur, Ursprung, Ziele und rechtliche Stellung des Ordens, seine Mitglieder, Regierung und Organisation, letzterer enthält in 269 die Ausführungsbestimmungen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Einführung des zweiten Standes der sog. "Oboedienzritter", die sich zur Beobachtung eines der drei evangelischen Räte, nämlich des Gehorsams, durch ein besonderes Versprechen verpflichten.

Mit der Gründung des Malteser Hilfsdienstes e.V. 1953 lud der Orden die deutsche Bevölkerung ein, "am Charsima der Sendung des Ordens" teilzunehmen. Die Satzung und die Leitlinien des Malteser Hilfsdienstes lassen sich so als Umsetzung und Fortschreibung jener ursprünglichen Ideale lesen, die bereits die Jerusalemer Hospitalgemeinschaft bewegte.

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