Filmkritiken

Gott ist dann mal weg

Warum der neue Kinofilm „Lourdes“ von Jessica Hausner ein Albtraum ist

von Alexander von Lengerke

Am 1. April startet der Film „Lourdes“ von Jessica Hausner in den deutschen Kinos. An den verschiedenen Dokumentationen, die wir bislang im Fernsehen erleben konnten, zeigt sich immer wieder, wie unterschiedlich die Medien, die sonst keine Berührungspunkte mit Lourdes haben, den Ort und seine Botschaft wahrnehmen. Wer ungefähr weiß, wie vielfältig die medialen Eindrücke sein können, wird auch über den Kinofilm nicht wirklich überrascht sein.

Neu und auch mutig ist das Unterfangen, einen Spielfilm über Lourdes fürs Kino zu produzieren. Lourdes ist eine ungewöhnliche Story und das Thema heikel genug für die Kontroverse. Dass dies gelungen ist, kann man Regisseurin und Produktionsteam hoch anrechnen. Trotzdem bleiben nach Sichtung des Films Fragen über Fragen, was nach Auskunft im Pressematerial ganz im Sinne der Regisseurin ist.

Aber der Reihe nach. Erzählt wird die Geschichte von Christine (Sylvie Testud), die an Multipler Sklerose erkrankt ist und mit den Maltesern nach Lourdes pilgert. Wie so viele Menschen, die an schwerer Krankheit zu leiden haben, klagt auch sie über sich und die Nutzlosigkeit ihres Daseins durch ihre Krankheit. Ihr zugeteilt ist die Pflegerin Marie, die in ihrem Dienst bei den Maltesern nach Sinn und Richtung in ihrem Leben sucht. Im Lauf der Geschichte wird Christine geheilt und fortan fragt sich ein jeder Pilger dieser Gruppe, warum sie und nicht jemand anderer. Diese Frage spitzt sich zu, als sich parallel zu Christines Heilung herausstellt, dass die Teamchefin der Malteser, die sich als streng und fromm in ihrem Glauben gibt, an Krebs erkrankt ist.

In ihrem Regiestatement bezeichnet Regisseurin Jessica Hausner ihren Film „Lourdes“ als „böses Märchen – eine Einschlafphantasie oder ein Albtraum“. Ein Albtraum in der Tat – gerade wenn man weiß, dass die Realität des in Lourdes Erlebten eine ganz andere ist.

Wer Lourdes kennt und von seiner Botschaft zu leben gelernt hat, merkt schnell, dass der Film „Lourdes“ ein düsteres Gegenbild entwirft. Von der Vielschichtigkeit der Motivationen der Menschen, die dorthin pilgern, der Hoffnung, die dort gestärkt wird, und der Freude dort ist keine Spur zu sehen. Der Film konzentriert sich auf die Frage nach dem Sinn der Heilung, die scheinbar willkürlich und nach Lust und Laune eines Gottes passiert, dem alle anderen leidenden Menschen völlig egal zu sein scheinen. Der Film meint ein riesiges Täuschungsmanöver zu enttarnen: die Kirche schürt die verzweifelte Sehnsucht von Millionen von Menschen nach Heilung, indem sie ihnen vorgaukelt „wenn Du nach Lourdes fährst und Dich innerlich bereitest, dann kann Gott heilen“. Kann – muss aber nicht.

Die Abwesenheit Gottes, die totale Leere gewissermaßen, wird in der Inszenierung spürbar: Alles im Film ist in kühlen, bläulichen Farben gehalten, die Einstellungen sind lang und alle Personen agieren wortkarg und stehen in Distanz zueinander. Auch die Glaubensvollzüge sind akkurat und mit Sinn für die Details gefilmt, aber so steril, formalistisch und streng, ja fast kalt inszeniert, dass Beklemmung aufkommt. Wo man im heutigen Lourdes derartige Szenen zu Gesicht bekommt, bleibt das Geheimnis der Regisseurin.

Das gilt auch für die Darstellung der Pilgergruppe und der Malteser. Das Verhältnis zwischen Team und Kranken bleibt auf bizarre Weise unterentwickelt und kühl. Die Mitglieder des Teams scheinen sich untereinander kaum zu kennen, sie siezen sich, knien sich abends rechts und links neben das Krankenbett und beten stramm ein „Gegrüßet seist Du Maria“, bevor der Kranke dann mit einem tonlosen „Gute Nacht“ in die einsame selbe entlassen wird. Überhaupt wird außer dem Nötigsten kaum miteinander gesprochen; eine gemeinschaftliche Beziehung baut diese Gruppe nicht auf. Wenn geredet wird, kommt es immer wieder zu Ungeschicklichkeiten im Gespräch, etwa wenn Pflegerin Marie zur schwerkranken Christine sagt, in Lourdes und bei den Maltesern mache sie was Sinnvolles, weil sie sich karitativ engagiere. Wie soll sich ein Kranker fühlen, wenn er zum sinnstiftenden Umgangsobjekt wird? Die Malteser werden hier böse karikiert, wenn nicht verleumdet, und das ist sehr ärgerlich.

Der Film geht an der Wirklichkeit in Lourdes vorbei. Die Millionen von Pilgern reisen nicht in die starre Glaubenskälte, sondern in ein Fest des Glaubens und des Miteinanders, das einzigartig ist. Das Lourdes des Films mag beobachteten Unarten religiöser Vollzüge zu entspringen, mit der Wirklichkeit im heutigen Lourdes hat es kaum etwas gemein.

Der Maßstab, den die Regisseurin hier setzt, ist der gesunde Mensch, der, der laufen, selber essen, einen Beruf ausüben und eine Familie haben kann. Aber genau hierin liegt der große Irrtum, dem der Film erliegt, denn Gesundheit ist weder Voraussetzung noch Garantie für ein erfülltes Leben.

Wer den Trost, der in Lourdes erfahren wird, ignoriert, der ignoriert Lourdes, und schlimmer: er ignoriert Menschen, die Schlimmstes durchlitten haben und durchleiden, indem er ihnen ihre Wahrhaftigkeit oder geistige Gesundheit abspricht. Wer so einfachhin meint auf Trost von oben verzichten zu können, muss sich ernsthaft fragen, ob das nicht – zumindest auch – damit zu tun haben kann, dass es das Leben bisher einigermaßen gut gemeint hat – besser jedenfalls als mit denjenigen, deren Erfahrung hier so wegwerfend behandelt wird.

Das Ende des Films ist offen: Man weiß nicht, ob Christine in ihre Krankheit zurückfallen wird (ein Phänomen, das bei MS-Kranken durchaus anzutreffen ist). Das größere Wunder wird jedenfalls nicht behandelt: die innere Wandlung zu einem im Glauben frohen Menschen ohne die äußere Heilung. Von dieser berichten hunderttausende von kranken Lourdes-Pilgern. Anstatt sich damit auseinanderzusetzen, träumt der Film seinen eigenen Albtraum. Eine verpasste Chance.


Jenseits der Eindeutigkeit

Von Menschen und Göttern (Des hommes et des dieux)

von Michael Lohausen

Aus dem Festival de Cannes im letzten Jahr ging dieser Film mit zwei Auszeichnungen hervor: dem Grand Prix und dem Preis der Ökumenischen Jury. Nicht umsonst, denn Regisseur Xavier Beauvois hat einen unbequemen Stoff, der auf wahren Begebenheiten beruht, in ein subtiles Drama umgesetzt. Der Film befasst sich mit dem Schicksal der sieben Trappisten des Klosters Notre-Dame de l’Atlas (Tibhirine, Algerien), die 1996 – in den desolaten Zuständen des Bürgerkriegs – verschleppt und umgebracht wurden. Ob die Ermordung der nach mehreren Wochen tot Aufgefundenen auf das Konto einer Terrorgruppe geht, wie in den Medien berichtet wurde, konnte nie zweifelsfrei herausgestellt werden. Denn undurchsichtig ist bis jetzt die Rolle der Armee an der Tragödie. Erzählt wird die Vorgeschichte dieser Ereignisse, vom klösterlicher Existenz inmitten einer islamisch geprägten Umwelt, von den chaotischen Lebensbedingungen, von der Zuspitzung der Auseinandersetzung zwischen Militär und Rebellen, vor allem von Bedrängung und Geschick der Ordensleute. Und dieser Prozess entfaltet sich in Brüchen und Ambivalenzen, so dass die nebulösen Umstände schon angezeigt werden, die den Tod der Männer umschatten. Der Film changiert zwischen Polaritäten und richtet Spannungsbögen auf. Er wirft mehr Fragen auf, als er Antworten gibt. So recht weiß man nicht immer, ob man Freund oder Feind, Opfer oder Machthaber, Ehre oder politischem Kalkül, Respekt oder Menschenverachtung, Dialog oder Gewalt, Aufnahme oder Ausschließung gegenüber steht. Und man weiß auch nicht, ob klare Begriffsbildungen hier überhaupt einen Platz haben. Zu sehr lebt der Film von Oppositionen, die er in- und aufeinander los spielt – auch in jenen Thematiken, die die politischen Zusammenhänge nicht unmittelbar berühren, dort, wo der Gottesdienst neben dem Dienst am Nächsten, der Einzelne neben der Gemeinschaft und das Bestehen neben dem Versagen dargestellt werden. Fast mehr auf der atmosphärischen Ebene als auf jener der eigentlichen Handlung macht der Film deutlich, dass absolute Positionierungen der Komplexität des Daseins niemals gerecht werden, sondern nur dialektische Sprünge. Thomas Assheuer bemerkt in der ZEIT-Ausgabe vom 15.12.2010, dass „der Gottesglaube, so wie er von diesen Mönchen verkörpert wird, … etwas ganz und gar Widersinniges [verlangt], nämlich die Liebe zum Feind und die Überwindung der Gewalt“. Und indem der Film diesen Anspruch in den Paradoxien verortet, die aus dem Zusammenleben der Menschen entspringen, weist er ihn als glaubwürdig, und mehr noch, unhintergehbar aus. Aber zum Glück verzichtet Beauvois darauf, aus Märtyrern Götter zu machen. Die heroische Szene, in der die Mönche allen Warnungen zum Trotz die Aufrechterhaltung der Klostergemeinschaft (und das heißt: der lebensbedrohenden Situation) beschließen, verdunkelt das Fragile und Ungewisse ebenso wenig wie das Spontane und Zufällige. Das Martyrium – auf das das Filmende nur ausblickt – erhält darum nicht die Maske des Idealen. Es ist solidarisch: mit den Worten, die der ermordete Prior Christian de Chergé (gespielt von Lambert Wilson) in seinem Abschiedsbrief gebraucht hat, steht „dieser [eigene, vorhergesehene; M. L.] Tod in einer Reihe mit so vielen anderen genauso gewaltsamen Toden …, denen gegenüber man aber aufgrund ihrer Anonymität gleichgültig bleibt“. Der Film behält nichts dem Absoluten vor. Er gibt alles der Relativität anheim – und zeigt etwas von der Abgründigkeit und den krummen, manchmal gar abbrechenden Wegen des Lebens, aber auch der Schönheit und Größe menschlicher Entscheidungen. Ein Schlüsseldialog des Films besteht nur aus zwei Sätzen. Dorfbewohnerin: „Warst du schon mal verliebt?“ – Bruder Luc: „Aber ja – mehrfach sogar! Aber dann habe ich eine Liebe erfahren, die noch viel stärker war. Und dieser Liebe bin ich gefolgt."

Regie
Jessica Hausner

Drehbuch
Jessica Hausner

Darsteller
Silvie Testud, Léa Seydoux, Elina Löwensohn, Bruno Todeschini

Kinostart D:
1. April 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Regie: Xavier Beauvois

Drehbuch: Xavier Beauvois

Darsteller: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Xavier Maly, Jean-Marie Frin

Kinostart D: 16.12.2010